Das polyvagale Nervensystem – Sicherheit-Gefahr-Lebensbedrohung

Veröffentlicht: Dienstag, 19. Juni 2018

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Eine gute Zusammenfassung von Peter Itin

Neue Erkenntnisse

„Jedes Wissen ist nur ein Irrtum zwischen zwei Irrtümern“, hatte der Arzt und Dichter Gottfried Benn einst geschrieben. Die bis heute in Anatomiebüchern verbreitete Vorstellung eines dualen Nervensystems, in dem Sympathikus und Parasympathikus als Antagonisten wirken und sich ausbalancieren, ist seit 2001 überholt. Steven Porges, Direktor des Brain-Body Centers der Universität Illinois in Chicago, ist es aufgrund stammesgeschichtlicher Studien zum Nervensystem gelungen, ein differenzierteres Bild der im Menschen wirkenden Handlungssysteme zu erhalten. Grundlegend ist die Erkenntnis, dass der Parasympatikus zweigeteilt ist in einen dorsalen und ventralen Teil des Vagus (10. Hirnnerv). Die beiden Teile entspringen unterschiedlichen Bereichen des Hirnstamms und erfüllen verschiedene Funktionen. Porges spricht deshalb vom „polyvagalen Nervensystem“.

Sicherheit, Gefahr und Lebensbedrohung sind drei Grundvoraussetzungen, in denen jeweils andere Teile des autonomen Nervensystems dominieren und auf unterschiedliche Weise mit Gehirn und Hormonsystem interagieren. Die drei Regelkreise des Autonomen Nervensystems bestimmen unsere Verhaltensstrategien, wobei von einer Hierarchisierung der drei Handlungssysteme ausgegangen werden muss.

 

Lebensbedrohung – Immobilisation

Evolutionsgeschichtlich die älteste Funktion des Nervensystems besteht darin, das Überleben zu sichern. Schon einzellige Organismen haben einen Mechanismus, um auf lebensbedrohliche Veränderungen des Umfelds, zum Beispiel eine Absenkung der Wassertemperatur, zu reagieren: sie ziehen sich zusammen und reduzieren sämtliche Vitalfunktionen, um möglichst wenig Nährstoffe zu verbrauchen. Sie gehen in eine dem Tode ähnliche Starre. Dieser Urmechanismus der Erstarrung bei Lebensgefahr existiert auch im Menschen. Er wird durch das Dorsale Vagale System reguliert (Dorsal = zum Rücken hin). Dieser Teil des Vagusnervs ist stammesgeschichtlich der älteste Teil des autonomen Nervensystems. Der Dorsale Vagus existiert bereits bei kieferlosen Fischen. Es gibt ihn also seit 500 Millionen Jahren bei allen Lebewesen. Seine Nervenfasern sind nicht myelenisiert (ummantelt bzw. „isoliert“). Sie reagieren deshalb nicht sofort. Der Dorsale Vagus innerviert insbesondere Herz, Atmung und Verdauungssystem. Unter Lebensgefahr schaltet er diese Organe auf Minimalbetrieb. Puls und Bluttdruck sinken dramatisch, man atmet kaum noch und die Stoffwechselaktivität wird praktisch eingestellt. Immobilität ist die Folge. Viele Säugetiere kennen den Totstellreflex als letzte, passive Reaktionsstrategie, um ihre Jäger zu überlisten (beispielsweise Gazellen, Opossum, Mäuse).

Der Dorsale Anteil des Vagus interagiert mit dem Hirnstamm („Reptiliengehirn“), dem er entspringt. Dieser ist genetisch fix programmiert, seine Reflexe kennen kein Erfahrungslernen. Unter Lebensgefahr schaltet der Dorsale Vagus beim Menschen die stammesgeschichtlich jüngeren Systeme des Gehirns über das Hormonsystem aus. Das explizite Gedächtnis wird vom Entscheidungsprozess abgekoppelt, was die Reaktionszeit verkürzt. Im limbischen System geschieht eine Überlastung des Hippocampus, der nicht mehr in der Lage ist, seine Funktion wahrzunehmen, nämlich Informationen im Langzeitgedächtnis abzuspeichern und einzuordnen. Die Gedächtniskonsolidierung ist unterbunden. Nach einem traumatischen Erlebnis wie beispielsweise einem Verkehrsunfall ist man deshalb nicht mehr in der Lage, sich an den eigentlichen Aufprall zu erinnern. Im Neocortex werden die linke Frontalregion und das Brocazentrum praktisch gelähmt, welche analytische, sequenzielle und sprachliche Fähigkeiten nutzbar machen. Flashbacks bleiben unverbundene Gedächtnisfetzen. Traumatische Erinnerungen werden nicht narrativ abgespeichert sondern so erlebt, als würde das Erlebnis gerade jetzt erfolgen. Man fühlt sich sprachlos, weil die Erfahrungen vorsprachlich bleiben. Die erlebte Unverbundenheit führt zu Dissoziation, Desintegration, Abspaltung, Entfremdung von Körper, Geist, Gefühlen, Erinnerungen und Umwelt. Identitäts- und Zugehörigkeitsprobleme sind die Folge. Der Erstarrungsreflex, den der Dorsale Vagus auslöst, ist das letzte Mittel des Selbstschutzes vor dem Tod. Über endogene Opiate wird auch die Schmerzwahrnehmung völlig unterbunden. Gefühllosigkeit, Taubheit, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Überwältigung und Todesnähe werden erfahren.

Gefahr – Mobilisation

Alle Tiere ab Knochenfischen haben einen Sympatikus. Der Sympatikus mobilisiert den Körper und macht ihn in Situationen der Gefahr zu aktiven Verteidigungsreaktionen wie Kampf und Flucht fähig. Der Sympatikus ist myelenisiert, was sehr schnelle Informationsübertragungen und Reaktionen sicherstellt. Unter Angst werden die Signale von der Amygdala an den Sympatikus weitergeleitet sowie an den Hypothalamus, der Stresshormone ausschüttet (Adrenalin, Noradrenalin, Cortisol). Der Sympatikus intensiviert insbesondere Blutdruck, Herzfrequenz, Atemfrequenz und muskuläre Aktivität und schränkt die Darmtätigkeit ein. Ist er stark aktiviert, wird der stammesgeschichtlich jüngere Neocortex vom limbischen System gebremst. Die Fähigkeit zu Mitgefühl, vorausschauendem Denken und sozialer Kommunikation wird eingeschränkt. Man ist voller Wut und Angst, energetisch erregt und geladen. Man fühlt sich von anderen getrennt und schaut nur noch für sich. Das limbische System des Gehirns ist genetisch programmiert, und es stützt sich gleichzeitig auf Erfahrungswissen ab. Angst ist lernbar. Angst ist konditionierbar. Unser Gedächtnis hat einen entscheidenden Einfluss darauf, wie der Organismus auf Umweltsignale reagiert. Mit bildgebenden Verfahren wurde nachgewiesen, dass hoher Stress jene Gehirnregionen aktiviert, welche über Sympathikus und Hormonsystem starke Emotionen auslösen (Amygdala, Insel und rechte Gehirnhälfte), währenddessen die relativierenden, für Gedanken und Kommunikation zuständigen Areale gehemmt werden (linker Präfrontalkortex, Broca-Zentrum).

Sicherheit – soziale Anteilnahme und Kommunikation

Stammesgeschichtlich als Letztes entstand der myelenisierte ventrale Vagus-Komplex (ventral = bauchwärts). Dieser findet sich erst auf der Stufe der Säugetiere. Der Ventrale Vagus steht ebenfalls mit Herz, Lunge und Verdauungssystem in Beziehung und dient der Hemmung der Sympatikus-Aktivierung. Er bildet zusammen mit anderen Hirnnerven, die Saugen, Stimmgebung, Mimik, Augenbewegung und Hören steuern, das „soziale Nervensystem“. Zuhören können und gemeinsame Aktivitäten erfordern das Gefühl von Sicherheit.
Wenn das Ventral Vagale System dominant ist, sind die Voraussetzungen gegeben, dass die Glückshormone (Dopamin, Endorphin, Serotonin, Oxytocin) ausgeschüttet werden und wir innerlich Wohlbefinden, Frieden, Freude, Ruhe, Entspannung, Glück, Leichtigkeit, Weite und gegenüber anderen Menschen Verbundenheit, Mitgefühl, Liebe erleben können.
Der ventrale Vagus- Komplex steht auch in Verbindung zum enterischen Nervensystem („Bauchgefühl“) und Spiegelneuronen (zwischenmenschliche Resonanz).

Der ventrale Vagus-Komplex hat die wichtige Aufgabe, in sicheren Umgebungen jene Regelkreise zu unterdrücken, die für Gefahr zuständig sind. Er hilft somit, angemessen auf Störungen zu reagieren, Gefühle wie Ärger und Angst zu regulieren, uns selbst zu beruhigen und gelassen zu bleiben. Porges spricht deshalb von der „vagalen Bremse“. Die Funktion der Selbstberuhigung und Selbstregulation wird vom Neocortex gesteuert, der bewusste Entscheide trifft, die sich auf Erfahrungswissen abstützen (der Neocortex ist nicht genetisch programmiert). Reflexion, bewusstes Atmen, sorgfältige Wortwahl und anderes mehr helfen, schwierige Situationen sicher zu meistern.

Interaktionen und Hierarchie im polyvagalen Nervensystem

Porges geht von einer Hierarchisierung der drei Systeme aus. Im „Normalfall“ nutzen wir den neuesten Regelkreis, der die älteren dominiert. Wo der neueste nicht funktioniert, greifen wir auf den jeweils älteren zurück. Oder konkret: es macht keinen Sinn, im Zustand grosser Gefahr nett zu plaudern. Umgekehrt sollte man in der Lage sein, in sicheren Situationen Mobilisierungen des Organismus zu erkennen und zu hemmen.

  • Im Zustand der Sicherheit ist das Ventral Vagale System dominant. Es unterstützt Ruhe und Gelassenheit, sichert einen „Normalmodus“ des Organismus und fördert die soziale Verbundenheit und Kommunikation. Das ventrale Vagus-System dämpft die Sympatikus- Aktivierung und moduliert unser emotionales Befinden.

  • Im Zustand der Gefahr nimmt der Sympatikus überhand, Kampf und Fluchtmechanismen werden aktiviert. Der Ventrale Vagus und damit die soziale Kommunikation werden unterdrückt.

  • Im Zustand höchster Lebensgefahr schaltet der Dorsale Vagus die anderen beiden Systeme aus und bringt den Organismus in den Zustand von höchster Alarmierung und Immobilität.

    Man kann dies wie folgt zusammenfassen:

 

Bei einem traumatischen Erlebnis wird der Sympatikus extrem aktiviert, und es wird ein hohes Mass an Adrenalin ausgeschüttet. Da der Kampf-/Fluchtmechanismus überwältigt wird, kann das Zuschlagen oder Weglaufen nicht erfolgreich zu Ende geführt werden. Die aktivierte und hochkomprimierte Energie kann ihr natürliches Ventil nicht finden. Tiere schütteln sich von dieser überschüssigen Energie wieder frei. Auch die Menschen entladen sie in den meisten Fällen. Sie weinen, schwitzen und zittern, wenn der grösste Schreck vorbei ist. Traumatische Erlebnisse werden vom Organismus mehrheitlich innerhalb von Wochen und Monaten verarbeitet. Rund ein Fünftel der von Trauma Betroffenen leidet jedoch unter nachhaltig verbleibenden Folgen. Wenn das Nervensystem seine innere Ladung beibehält und die geballte Energie festsitzt, sind Kopfschmerzen, Nacken- und Rückenprobleme, Bewegungseinschränkungen, Angstattacken, Kontrollzwänge und leichte Reizbarkeit die Folgen.

Neuere Studien, die auf Porges aufbauen, unterteilen die Immobilität in zwei Phasen bzw. zwei verschiedene Zustände.
Das sog. „Einfrieren im Schock“ wird in Zusammenhang gebracht mit Sympatikus-Dominanz, schnellem Herzschlag, schnellem und flachem Atem, hohem Muskeltonus, Schmerzunempfindlichkeit und hohem Energieverbrauch.
Eine zweite Stufe wird als „Unterwerfung“ („surrender“, Hingabe, Resignation) bezeichnet und in Zusammenhang gebracht mit einer Vagus-Dominanz und mit niedriger Herzfrequenz, langsamem Atemrhythmus, körperlicher und emotionaler Anästhesie und niedrigem Energieverbrauch.

Man konnte ferner feststellen, dass der Kortisolspiegel bei Menschen, die an Traumafolgen leiden, überhöht oder unterdurchschnittlich sein kann. Man geht davon aus, dass dies mit unterschiedlichen sekundären Reaktionsmustern zusammenhängt. Nach einem Trauma können bereits geringfügige Ereignisse im Alltag als Trigger wirken. Normalerweise unbedeutende Eindrücke werden vom impliziten Gedächtnis mit dem traumatischen Erlebnis in Verbindung gebracht und als grosse Gefahr taxiert. Zum Beispiel wird jeder Geruch von Rauch als Brand- und Verbrennungsgefahr eingestuft. Traumatisierte Menschen können auf geringfügige Grenzverletzungen mit Wutanfällen reagieren oder in einen Zustand von Panik oder Hilflosigkeit fallen.

Ein Trauma-Trigger kann Kampf-/Fluchtmechanismen (Sympatikus) oder totales Aufgeben (Vagus) aktivieren.
Einfrieren mit hohem Sympatikus-Anteil zeigt sich besonders ausgeprägt nach Unfall-Traumata bzw. einmaligen Schicksalsschlägen.
Parasympatisch dominierte Hingabe zeigt sich besonders rasch bei Frauen, die in der frühen Kindheit mehrfach oder dauerhaft sozialen Traumata ausgesetzt waren. Es wurde festgestellt, dass bei ein und derselben Person beide Reaktionsweisen vorkommen können. Auch in der Körperarbeit können wir feststellen, dass unter Spannung gefrorene Körperzonen und energetisch kollabierte Zonen an verschieden Orten des Körpers gleichzeitig vorfindbar sind. Dieses Wechselmuster spiegelt das Fehlschlagen der Integration des Erlebten wider.

Die Theorie der strukturellen Dissoziation nach Trauma unterscheidet zwei Gruppen von Aktionssystemen: Der „emotionelle Teil“ der Persönlichkeit bleibt auf Bedrohungen fixiert und ist mit Abwehr und Kontrolle beschäftigt. Der „scheinbar normale Teil“ der Persönlichkeit vermeidet jeglichen Kontakt zu traumabezogenen Triggern und aversiven Inhalten. Er „funktioniert im Alltag“, allerdings zu einem gewissen Grad amnesisch, depersonalisiert, da losgelöst von der eigenen Geschichte. Die Gleichzeitigkeit von Kontroll- und Vermeidungsverhalten ist für Personen mit posttraumatischen Belastungsstörungen typisch. Ihr Verhalten wird durch das Erlebte in hohem Masse konditioniert.

Kriterien für Posttraumatische Belastungsstörungen

Folgende Kriterien weisen auf Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) hin:
  • Übererregung: Intrusionen (Flashbacks, Alpträume), innere Geladenheit, Wutausbrüche, Reizbarkeit, Schlafprobleme, Hypervigilanz (Überwachsamkeit), Schreckhaftigkeit, Panikattacken, Ängste,
  • Untererregung: Dumpfheit, Gefühllosigkeit, Taubheit, Schwindel Vermeidung von Gedanken, Handlungen, Gefühlen, Gesprächen, Kontakten, Gefühl der Hilflosigkeit, Vermeidungsverhalten,

  • Körperliche Symptome ohne erkennbare oder angemessene Auslöser, oftmals gleichzeitig oder wechselnd: Bauchschmerzen, Durchfallattacken, Herzrhythmusstörungen, Atemnot, Schlafstörungen, rasches Ermüden, Erschöpfung, Kopfschmerzen, Schwindel, Orientierungslosigkeit, Dissoziieren (Depersonalisierung: das Gefühl haben, der Geist sei nicht im Körper),

  • Sucht, Depression.
    Nicht alle diese Symptome lassen sich jedoch automatisch auf Trauma zurückführen.

    PTBS ist ein Gefangensein in der Energie des Schreckens, ein Gefangensein in der Vergangenheit, welche das Erleben und Verhalten im Hier und Jetzt prägt und einengt. Die Fähigkeit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, wird eingeschränkt, weil das Nervensystem zu schnell, zu heftig oder im Gegenteil zu wenig reagiert. Die Bandbreite der Lebensbahn wird bei Traumafolgen dadurch schmaler: die Betroffenen engen ihren Lebensraum durch Vermeidungsverhalten und starre Mechanismen ein. Sie sind nur eingeschränkt stress- und konfliktfähig. Sie leiden unter Symptomen. Sie sind anfällig auf Retraumatisierungen und weniger resilient als vor dem Trauma. Sie können ihr Potential nicht in vollem Masse leben.

 

https://peteritin.files.wordpress.com/2008/09/sicherheit-e28093-gefahr-e28093-lebensbedrohung1.pdf

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